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Welche Entwicklung?
Canadian Boreal Forest Agreement oder wie Naturschutzgebiete indianischen Gemeinschaften in Kanada die Lebensgrundlage rauben
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ENGLISH ENGLISH EDAI Economic Development for Amerindians
Von oben aufgezwungener Naturschutz kann nicht funktionieren – weder für die Menschen noch für die Tiere und Pflanzen in ihrem Lebensraum. In Kanada wurde im Mai 2010 das Canadian Boreal Forest Agreement von 21 Firmen, die in der Holzindustrie aktiv sind, von kanadischen Regierungsstellen und von 9 Umweltschutzorganisationen unterzeichnet. Es handelt sich um ein Abkommen, das Greenpeace Kanada initiierte und das frs erste die Bewirtschaftung von rund zweimal der Flche der Bundesrepublik Deutschland (= 700’000 km2) kanadischer Wlder nach den Richtlinien des FSC (Forest Stewardship Council) garantieren soll. Zur Sicherung einer nachhaltigen Waldnutzung hat der FSC „in einem partizipativen Prozess unter Bercksichtigung aller Interessen und Meinungen globale Standards, nach denen vorbildliche Waldwirtschaft geprft und zertifiziert werden kann“, erarbeitet. So liest man im Internet. Der englische Originaltext des Abkommens ist hier verfügbar. Gewaltig ist das Echo auf diese neuste Entwicklung in der kanadischen Waldwirtschaft: „Ein neuer grosser Sieg fr den Wald!“ schwrmt ein Greenpeace-Aktivist in den USA. Vom „Frieden in den Wldern“ ist die Rede. Endlich sind die „Boykotte“ speziell von Greenpeace Kanada „gegen kanadische Waldprodukte von Bauholz bis Toilettenpapier“ Vergangenheit. Jim Prentice, der damalige kanadische Umweltminister, war gar der Meinung, das Abkommen mache „Kanada zum Weltfhrer der kologischen Wirtschaft der Zukunft“. Aber: Wo sind denn da neben den Pflanzen und Tieren in den Wldern die MENSCHEN geblieben? Der FSC spricht vom „globalen Standard“, der einen „partizipativen Prozess unter Bercksichtigung aller Interessen und Meinungen“ einhält. Im kanadischen Waldgebiet leben ber 600 indianische Gemeinschaften, sogenannte First Nations. Rund 400 von ihnen bewohnen die nrdlichen (borealen) Wälder, also genau jene Gebiete, die das Canadian Boreal Forest Agreement abdeckt. Peggy Smith, Professorin an der Lakehead University, Thunder Bay, Ontario hielt dazu fest: „Was wir whrend der vergangenen 10 Jahre beobachten konnten, ist das Muster, dass Umweltschutz- Organisationen sich mit der (Holz)Industrie zusammentun, um die Waldnutzungspolitik zu beeinflussen. Das ist an sich nicht schlecht, [..] aber die Abmachungen zwischen der Holzfller- Industrie, den Umweltschutz-Organsationen und Regierungsstellen […] wurden ohne die Teilnahme von Ureinwohnern getätigt.“ Zum vollständigen englischen Text... Im Grundsatzpapier einer der involvierten Umweltschutz-Organisationen, des WWF, heisst es schon in der Prambel wörtlich: „Die meisten verbliebenen Naturareale auf der Erde sind bewohnt von Ureinwohner-Völkern. Dies beweist die Effizienz ihres Managements der Naturressourcen. Ureinwohner-Völker und Umweltschutz-Organisationen sollten daher die natrlichen Verbündeten im Kampf für eine gesunde Natur und für gesunde Gesellschaften sein. [...] Die Ureinwohner-Völker waren des öftern die Bewahrer der Natur. Ihre Kenntnisse, ihre sozialen und ihre Lebensformen sind eng verknüpft mit der Naturgegebenheit ihres lokalen ökologischen Systems. [...] Der WWF ist der Ansicht, Umweltschutz-Organisationen und andere NGOs sollten zusammen mit Ureinwohner- Völkern Strategien entwickeln zur Korrektur der nationalen und internationalen Politik, zur Korrektur der wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Unausgewogenheiten.“ Der WWF Canada hat das Abkommen nicht unterzeichnet, doch er ist ein Partner der Umweltschutz- Organisation Canadian Boreal Initiative, und seltsamerweise gratuliert Steven Price, Chefgeschäftsführer von WWF Canada in seinem Blog: „Glückwunsch allen Unterzeichnern für den Waffenstillstand [...]. Viel Arbeit liegt voraus, damit der Frieden hält, aber die kriegerische Alternative ist erledigt.“ EDAI ist zutiefst besorgt über die Umsetzung des Boreal Forest Agreement in die Praxis. Welche Chance haben die White Feather Initiative, das Two Feather-Projekt der Pikangikum First Nation, das Waldbeeren-Projekt von Ric und Rose Richardson, die Waldnutzung durch die Wabigoon Lake First Nation noch, wenn Holzfäller-Firmen zusammen mit Umweltschutz- Aktivisten bestimmen, wer in den von indianischen Gemeinschaften bewohnten und seit Generationen nachhaltig genutzten Wäldern das Sagen hat? Wo haben dann Projekte von Micmac- Förstern an der Atlantikkste bis hinüber zu der um die Erhaltung ihres Lebensraumes besorgten Carrier Sekani First Nation am Pazifik noch einen Platz? An einigen der erwhnten Projekte ist EDAI direkt beteiligt und hat deshalb ein vitales Interesse an der Mglichkeit seiner indianischen Partner, die künftige Waldbewirtschaftung in Kanada mitzubestimmen. Die Nishnawbe Aski Nation in Ontario, die 49 First Nations vertritt, hat denn auch zwei Tage nach Bekanntwerden des Abkommens mit einer Pressemitteilung reagiert: „Das neue Nationale Boreal Forest Agreement achtet die Rechte der Ureinwohner (First Nations) nicht.“ Ihr Chief Stan Beardy erklrte: „ Niemand hat das Recht, ein Abkommen auszuarbeiten, das unser Land und unsere Ressourcen betrifft, ohne uns zu konsultieren [...] und ohne unsere Zustimmung.“ Allmhlich mehren sich die Gegenstimmen zum Abkommen – von Seiten der Ureinwohner wie auch von NGOs. Selbst Greenpeace Canada versucht etwas spät am 6. Juli 2010 die Aussagen des Abkommens herunterzuspielen. EDAI weiss, dass in der Organisation Canadian Boreal Initiative fnf indianische Partner ihren Sitz haben. Warum ihnen die einseitige Vertretung bei den Verhandlungen und bei der Unterzeichnung des Abkommens nicht aufgefallen ist, entzieht sich der Kenntnis von Aussenstehenden. EDAI wird die weitere Entwicklung und vor allem die praktische Umsetzung genau im Auge behalten, die aktuellen Informationen verbreiten und gegebenenfalls bei den beteiligten Umweltschutz-Organisationen und kanadischen Behrden vorstellig werden. Heinz Lippuner, Präsident EDAI